Macht „Ich bin dann mal Blogger“ wirklich immer Sinn?

Immer wenn ich auf einem Familien-Blog lese „Mein Ziel ist es irgendwann damit so viel Geld zu verdienen und dann nur noch zu Bloggen“ dann verspüre ich einen Stich in mein Bloggerherz.

Seit fast 20 Jahren arbeite ich in der Werbung und im Marketing – seit 6 Jahren ausschließlich im digitalen Bereich. Meinen Blog gibt es seit 3 Jahren – und er war und ist immer mein Hobby, mit dem ich, wenn ich möchte auch Geld verdienen kann (durch Kooperationen und Co.). Primär jedoch nutze ich ihn um persönliche Erfahrungen zu teilen – andere Frauen zu unterstützen und mein für mich definiertes Kernziel „Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ thematisch aufzuarbeiten und voran zu bringen.

Das ist eine luxuriöse Ausgangssituation, die ich sehr zu schätzen weiß – und für die ich mich sehr bewusst entschieden habe.

Der oder das Blog oder auch Weblog ist ein auf einer Website geführtes und damit meist öffentlich einsehbares Tagebuch oder Journal, in dem mindestens eine Person, der Blogger, Aufzeichnungen führt, Sachverhalte protokolliert („postet“) oder Gedanken niederschreibt. (Quelle: Wikipedia.org)

D.h. ein Blog ist also in seinem Grundgedanken und Ursprung kein zu monetarisierendes Medium, sondern ein Tagebuch, das digital mit seinen Lesern geteilt wird. Dennoch geht der Trend – gerade von SEO-Agenturen – immer mehr dahin, diese Medien für die Verbesserung von Google-Rankings einzusetzen oder im Bereich des Content-Marketings zu instrumentalisieren.

Im Umkehrschluss ist es also verständlich, dass immer mehr Blogger diese spezifischen Anfragen dazu nutzen, mit ihrem Blog – der Geld und auch Zeit in Anspruch nimmt – genau dieses durch Sponsored-Posts, Affiliate-Kampagnen, Werbebanner und Co zu refinanzieren.

Dies ist auch ihr gutes Recht und das möchte ich mit diesem Post auch nicht grundsätzlich kritisieren.

Vielmehr möchte ich aus Sicht des strategischen Marketings und der Business-Planung aufzeigen, warum in meinen Augen der Weg vom Bloggen aus Leidenschaft zum Bloggen als Beruf gut überlegt sein sollte.

Hier ein Rechenbeispiel:

Angenommen, ein Familien-Blogger hat in seinem „alten Job“ mit einer 75% Stelle 2.000 € brutto im Monat verdient.

Macht er sich als „freier Journalist“ mit seinem Blog selbstständig sollte er demnach ungefähr 2.500 € im Monat verdienen denn Urlaub, Krankheit und Arbeitgeberanteile müssen durch die freiberufliche Tätigkeit kompensiert werden.

Bei einem guten Traffic von z.B. ca. 150.000 Besuchern im Monat verdient der Blogger z.B. 500 Euro mit Google Ad-Senses oder Werbebannern.

D.h. 2.000 Euro müssen mit Sponsored-Posts und Kooperationen verdient werden.
Nehmen wir einmal an, pro Post bekommt der Blogger 150 € (es handelt sich hierbei um gekennzeichnete Artikel mit no follow Links), dann wären dies 3 Posts die Woche, bei denen der Blogger seine Inhalte nicht frei wählen kann sondern im Auftrag eines Unternehmen schreibt.

Bei 6 Posts die Woche ist also jeder Zweite ein Sponsored Post.

Das ist in meinen Augen kein ausgewogenes Verhältnis mehr für einen klassischen Blog.

Viele Leser mögen Werbung in Blogs nicht besonders.

Das hat gerade erst wieder die Diskussion auf Twitter gezeigt die Sarah auf Mamaskind.de aufgegriffen hat. Sie klicken diese Beiträge seltener an und meiden sie. Folglich kann man beobachten, dass Blogger, bei denen die Klickzahlen für die Monetarisierung sehr wichtig sind immer wieder auf ihrem Blog „Säue durchs Dorf treiben“ um für anständig Klickzahlen und Kommentare zu sorgen.

Die digitale Welt ist sehr schnelllebig – die Dinge ändern sich sehr schnell und bedürfen immer wieder Anpassungen – auch auf Seiten von uns Bloggern. Bereits heute kommt über 40% des Traffics über mobile Geräte ins Netz – in den Sozialen Medien sogar über 70%. Gleichzeitig gibt es z.B. Bestrebungen von Telekommunikationsanbietern mobile Werbung auf den Endgeräten in Zukunft nicht mehr auszuspielen. In meinem Rechenbeispiel können somit schnell aus 500€ nur noch 250€ für Banner-Werbeeinnahmen werden.

Dies bedeutet, dass der Leser und auch das Voranschreiten der digitalen Gegebenheiten diese Beispielrechnung stark beeinflussen und verändern und somit der Business-Case für den „Vollzeitjob Blogger“ auf die nächsten 5-10 Jahre schwer zu kalkulieren sein wird.

Was mich zu Punkt 2 dieses Beitrages führt.

Die Wahl der Marketing-Strategie als Vollzeitblogger.

Geht es in privaten-Blogs meist noch um die Entwicklung des eigenen Kindes und Familien-Themen rund um die eigenen Bedürfnisse muss sich dieser Kern bei dem Ziel das Bloggen als Vollzeitbeschäftigung auszuüben nochmals ganz neu aus zwei Gesichtspunkten angeschaut werden.

  1. Was soll die Kernbotschaft meines Blogs sein und warum?
  2. Über was will ich in 5-10 Jahren schreiben?

Ein guter Business-Plan sollte immer auf einer guten Basis ruhen. D.h. was ist das Grundthema meines Blogs. Über welches Thema möchte ich als Spezialist von meinen Lesern wahrgenommen werden? Kann ich dieses Thema mit persönlichen und beruflichen Qualifikationen untermauern? Durch welche Qualifikation entsteht diese Authentizität?
Ein gutes Beispiel ist hier z.B. der Blog geborgen-wachsen.de von Susanne, die Ihre Wissen und ihre Beiträge durch ihre Erfahrungen ihres Studiums der Kleinkindpädagogik und ihre berufliche Arbeit als Stillberaterin und Babymassagekursleiterin untermauern kann.

Um diesen Kern sollten sich dann die Themen, Kooperationen und die ausgespielte Werbung auf dem Blog drehen, um dem Leser ein stimmiges Gesamtbild zu übermitteln. Der Leser belohnt dies in der Regel mit langlebiger Treue.

Zudem sollte der Kern des Blogs auch noch in 5-10 Jahren funktionieren – denn genauso, wie man die Ausbildung zur Buchhalterin macht, sollte die Entscheidung zum Vollzeit-Blogger bewusst und vorausschauend getroffen werden.
Mit dem Verlassen meines gewohnten, beruflichen Terrains – z.B. als Buchhalterin wird es in 5 Jahren – wenn ich merke, dass mit dem Bloggen ist nichts mehr für mich – sicherlich nicht so leicht, wieder in seinen alten Lehrberuf zurück zu kehren.

Zusätzlich ist die Frage der berufliche Vorqualifikation relevant! Jeder kann im Internet schreiben. Aber kann ich auch wirklich gut schreiben?

Was sind die Alternativen?

Ein in meinen Augen sinnvollerer Weg das Schreiben zum Hauptberuf zu machen ist daher der Start eines Blog-Magazins wie z.B. das Mummy-mag.de.

Hier sind die Punkte Kernbotschaft und Langlebigkeit weit mehr gegeben, als in einem klassischen Blog. Es besteht eine größere Themenvielfalt, die Möglichkeiten Unternehmen und Produkte zu platzieren ist wesentlich einfacher und die Akzeptanz hierfür auf Seiten der Leserschaft weit größer.

Um so ein großes Projekt zu starten bedarf es allerdings (in meinen Augen) Grundkenntnisse in der PR, dem Design und dem professionellen Schreiben damit auch hier ein langlebiger Erfolg verzeichnet werden kann.

Die andere Möglichkeit wäre, ich benutze das Schreiben als meine digitale Visitenkarte für meine berufliche Kernkompetenz, wie es z.B. Christine auf mama-arbeitet.de macht und zeige somit meinen potentiellen Neukunden, was ich im virtuellen Raum bewegen kann. Im Fall von Christine haben sich hier z.B. schon einige Zusammenarbeiten außerhalb des Bloggens gefunden.

Ich muss ganz klar sagen, dass meine Analyse zu diesem Thema ausschließlich auf das Thema Familien-Blogger ausgerichtet ist. Denn mir ist durchaus bewusst, dass im Bereich der Tech-, Fashion und Reiseblogger in vielen Bereichen ganz andere Summen von Unternehmen gezahlt werden, da hier die Auswahl an klassischen Konsumgütern weit höher ist.
Auch weiss ich, dass es im Familien-Bereich Unternehmen gibt, die eine höhere Vergütung zahlen. Dennoch ist die Anzahl der 150€ Jobs aus meiner Erfahrung heraus hier immer noch eine der vorherrschendsten.

Auch soll dieser Beitrag nicht dazu dienen Familien-Blogger grundsätzlich davon abzuraten ihre Blog-Leidenschaft in Zukunft nicht als Vollzeit-Berufung auszuüben.

Ich will vielmehr aufzeigen, dass diese berufliche Entscheidung – wie jede andere auch – langfristig, strategisch und ausführlich durchdacht werden sollte.

Denn oftmals kann die Freiheit, in meinem Blog das Schreiben zu können, was mir selbst am Herzen liegt – gepaart mit einem netten, monatlichen Zubrot – weit wertvoller sein, als die Veröffentlichung einer Vielzahl an Werbung auf meinem persönlichen Tagebuch im Netz.

Ich bin sehr gespannt über Eure Meinungen

 

Eure Andrea

 

P.S.: Mein eigener Blog ist in vielen Bereichen des Marketing sicherlich kein gutes Beispiel dafür, wie man es richtig macht. Dies liegt oftmals aber nicht an dem fehlenden Wissen sondern vielmehr an der fehlenden Zeit, die ein Lebens als 3-fach Mutter mit Vollzeitnahmen Job mit sich bringt.

 

P.P.S. Mit meiner beruflichen Brille könnte ich noch so viel mehr Schreiben über die richtige Strategie, die Herangehensweise an Kooperationspartner und Story-Telling. Wenn Euch dies interessiert, lasst es mich wissen.

 

14 Kommentare

  1. danke für diese Analyse und die lobende Erwähnung. Ich gebe Die ganz Recht und teile gleich mal bei Blogfamilia.

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  2. Hi Andrea,
    toller Beitrag! Die langfristige Sicht wird sicher vielmals übersehen. Wer sich mit Kooperationen beschäftigt, sollte sich immer auch mit den Auswirkungen befassen.
    Ich kenne das mit der Erfahrung und dem Blog: man weiß wie es besser geht, hat aber keine Zeit alles umzusetzen. Ich schreibe dann lieber einen weiteren Blogpost, anstatt tief in SEO einzusteigen. Das mache ich dann lieber im Job. 🙂
    Viele Grüße
    Sarah

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  3. Ein toller Beitrag! Ich glaube nämlich auch, dass es gar nicht so einfach ist mit dem Bloggen allein genug für den Lebensunterhalt zu verdienen.
    Was ich persönlich schon öfter erlebt habe: Wie im normalen Arbeitsleben auch sind det reine Zufall, abet auch Vitamin B nicht zu unterschätzen!
    Mich würden die Themen deines PPS auf jeden Fall sehr interessieren, also gerne mehr davon 🙂

    LG, Frl. Null.Zwo

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  4. Liebe Andrea, toll hast Du es geschrieben und ich würde gern mehr darüber lesen 🙂
    Auf meinem Blog gehe ich auch Kooperationen an – ich mache es aber ausschlieslich, wenn sie auch einen Mehrwert für die Leser bringen. Mein Blog ist für auch ein Portfolio – manche Aufträger finden mich im Internet und können dadurch besser kennenlernen und meine Kompetenzen schneller einschätzen. Die tollen Kontakten und den Austausch mit den Lesern möchte ich aber nicht mehr missen!
    Liebe Grüße, Dominika

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  5. Finde ich richtig, was Du schreibst. Vielen Dank für Deine Analyse. Ich gehe da weit weniger strategisch ran, als Du. Ich schreibe aus dem Bauch heraus, habe weder Redaktionsplan noch Businessplan. Ich werde immer schreiben, wie mir der Schnabel gewachsen ist, egal ob ich Kooperationen eingehe oder nicht. Richtig ist aber, dass man wohl mit einem Blog allein nicht überleben kann. Egal wie viele Koops man eingehen würde…

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  6. Danke für den tollen Beitrag! Ich würde auch sehr gerne noch mehr zu dem Thema lesen.
    LG, Micha

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  7. Es gibt halt die Möglichkeit, also versuchen sich einige.
    Ich lese lieber „echte“ Berichte aus dem Leben, bevorzugt von Menschen, die ähnliche Themen umtreiben, wie mich.
    Die „Dauerwerbesendungen“, die es auch gibt in der Blogosphäre, meide ich.
    Und ganz selbst blogge ich nur vor mich hin, weil ich den Tagebuchcharakter schätze und es mir eine wertvolle Erinnerungs-Stütze ist. Ganz klassisch. Der öffentliche Charakter dient nur dazu, dass ich genau überlege und nicht über- oder untertreibe, wenn ich meine privaten Fakten „zu Papier“ bringe.
    Allerliebste Fan-Grüße von Mamamotzt, der klassischen Bloggerin schlechthin. 😉

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  8. Danke für diesen guten Artikel!
    Ich sehe das genauso und bin froh, dass ich meinen Blog als Hobby, Weiterbildungsangebot und Austauschmöglichkeit habe, und wenn es nette Koop Möglichkeiten gibt, warum nicht.

    Leider ist mein Blog auch wenig professionell, auch wenn ich es besser könnte o könne sollte 😉

    Liebe Grüße
    Stephi

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  9. Liebe Andrea,

    toller, informativer Artikel, der mich zum Nachdenken anregt, wie ich – irgendwann mal – mit meinem Blog Geld verdienen könnte. Bitte mehr zu dem Thema!

    Viele Grüße aus den USA in meine alte (bald wieder neue) Heimat München,

    Tina

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  10. Hi Andrea,

    sehr interessanter Artikel. Ich denke bezogen auf reine Google AdWords Werbung hast du vermutlich sehr recht.
    Aber vielleicht gilt es auch über andere Ideen nach zu denken.

    Affiliate-Marketing ist immer etwas Geschmackssache, schließlich will man ja authentisch sein und nicht „gekauft“ wirken. Aber bei einem gut geschriebenen Vergleich von zb Autositzen oder Babybetten ist sicherlich nichts dagegen einzuwenden diese auch zu Amazon&Co zu verlinken.

    Wenn dein Blog ein spezielles Thema hat, z.B. Zwillinge und du es über Zeit geschafft hast bei Google unter den entsprechenden Keywords sehr weit oben zu stehen ist es sicherlich nicht ausgeschlossen, das Firmen auch direkt bei dir Werbung schalten. Unter den Top 10 Ergebnissen taucht bei mir zumindest ein Mama-Blog auf (https://www.zwillinge-blog.de/). Mit ein wenig SEO kommt sie sicherlich noch höher.

    Eine weitere Möglichkeit wäre irgendwann aus dem gesammelten Wissen ein eBook zu erstellen. Schreiben können die Mum-Blogger ja eh schon, es geht dann nur noch drum die Inhalte nochmal neu zu formatieren und evtl. ein wenig zu aktualisieren.

    Wer sich dafür näher interessiert, dem sei zB das Affenblog (www.affenblog.de) näher gelegt. Dort wird erklärt, wie man seinen Blog Stück für Stück zum Erfolg bringt und damit Geld verdient ohne sich zu verkaufen.

    Von seinem Blog Leben – sicherlich schwierig, aber bestimmt nicht komplett unmöglich.

    Ciao
    Martin

    Antworten
    • Hallo Martin,
      es gibt sicher noch einige Wege, wie man mit oder durch den Blog Geld verdienen kann. Absolut.
      Genau für solche Themen sind z.B. wie du sagst der Affebblog.de super Quellen.
      Lieber Gruß
      Andrea

      Antworten
  11. 150.000 User pro Monat?

    Welches normale Muddi-Blog schafft das denn in einem annehmbaren Zeitraum (wenn es um Neugründung geht)?

    Wobei ich mit 150.000 Leuten auf der Seite auch deutlich über 150 € für einen Artikel nehmen würde.

    An Artikeln zu „… Strategie, die Herangehensweise an Kooperationspartner und Story-Telling…“ bin ich interessiert. Immer. Gerne mehr davon.

    Antworten
  12. Liebe Andrea,

    danke für die Analyse. Der/die/das Blog als Hauptstandbein ist schwierig. Bei erfolgreichen Bloggern, die beispielsweise im Reise-Blog-Bereich unterwegs sind, macht es die Mischung. Hier meine ich nicht die Ausgewogenheit zwischen eigenen Artikeln und Sponsored Posts, sondern zudem das Anbieten von Online-Kursen, E-Books etc.
    Für Familien-Blogger lässt sich nicht unbedingt alles nehmen, aber das eine oder andere kann man davon ableiten.

    Antworten
  13. Hallo Andrea,

    Ja, leider wollen viele Blogger vom Schreiben leben. UNd dann werden die Blogs auf einmal uninteressant, weil sie sich nur mehr danach richten, was Geld bringt.
    Für mich als Leser sag ich da nur: Nein Danke!

    Ein bisschen Werbung zwischendurch, oder ein paar Einblendungen stören mich nicht. Aber wenn es nur mehr um Produktplatzierungen geht, bin ich weg.

    LG

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