Sehr lange will ich diesen Blogbeitrag schon schreiben.
Aber mit dem neuen Job bin ich momentan gut ausgelastet. Da blieb bis dato nicht genug Zeit.

Da aber der aktuelle Vorstoß der neuen Familienministerin Manuela Schwesig für so viel Aufsehen und Diskussion sorgt, ist vielleicht genau jetzt der richtige Moment das Folgende endlich zu Papier zu bringen.

Im Juni 2013 erhielt mein Mann das Angebot eines 9 monatigen Sabbaticals.
Nach 15 anspruchsvollen Berufsjahren und der bevorstehenden Einschulung des Bazis packten wir diese einmalige Chance beim Schopf.
Zudem entschieden wir uns dazu diese Veränderung für einen Rollentausch zu nutzen.
Ich erweiterte meinen Arbeitsvertrag für vorerst 6 Monate auf eine 40 Stunden Woche und mein Mann sollte sich in dieser Zeit um Haushalt und Kinder kümmern.
Wir sahen dies als einmalige Möglichkeit für uns in den Schuhen des Anderen zu laufen und somit mehr Verständnis für die Wünsche, Nöte und täglichen Herausforderungen des Anderen zu entwickeln.

Mir war zwar klar, dass diese temporäre Vollzeitarbeit mir keinen großen Karriereschritt bringen würde – dennoch wollte auch ich diesen Rollentausch unbedingt.
Haderte ich doch immer wieder mit meiner „Teilzeitmisere“ (Wie bereits hier berichtet) und wollte somit für mich selbst klären, wie viele Opfer ich bereit wäre zu bringen für einen Vollzeitjob.

Im Job eröffneten sich für mich auf einmal ganz neue Welten:
Jeden Tag entspannt Mittagessen gehen mit den Kollegen und nicht das Gewohnte „Monitor-Food“, das ich sonst viel zu häufig zu mir nahm.
Small Talk, eine Runde Kickern mit den Jungs oder Mittags zum Dm – alles Dinge, die ich mir mit meinen 30 Stunden Wochenarbeitszeit sonst kaum gönnte, waren nun Regelmäßigkeit.

Zu Hause aber war auf einmal alles anders!
Mein Mann machte die Wäsche anders als ich, kaufte anders ein und auch sein Nachmittagsprogramm mit den Kindern war ein Anderes.
Ich hatte mir vorab vorgenommen, dies nicht zu kritisieren. Ein Vorsatz, den ich leider nicht immer einhalten konnte und dessen Bruch immer wieder zu Streit führte.
Es war gar nicht so einfach das „Anders machen“ des Partners nicht als Kritik am eigenen Handeln zu verstehen.

Als der Liebste nach den ersten Wochen unter den Wäschebergen fast zu ersticken drohte griff ich ein und weihte ihn in die Geheimnisse des effektiven Wäschemanagements für eine 5köpfige Familie ein. Es tat gut als er sagte – „das mit der Wäsche habe ich echt unterschätzt.“

Die Schattenseite meiner neuen Vollzeittätigkeit war meine nun fehlende Zeit mit munteren, gut gelaunten Kindern.
Wenn ich Abends um 19.00 Uhr zu Hause ankam musste schnell gegessen werden – es war ja schon spät – und um 19.30 Uhr war „Bettgehzeit“.
Diese fortgeschrittene Uhrzeit machte sich in der Regel auch bei meinen Kindern bemerkbar und sie waren müde und erschöpft. Der Abend bestand somit mehr aus abendlicher Routine als aus gemeinsamer Zeit zum Reden, Kuscheln und Toben.
Zum Glück ist der Bazi ein Selbstläufer in der Schule – denn gerade ein Schulkind war ein neues Unterfangen, dass mein Mann und ich vom täglichen Zeitaufwand für Hausaufgabenkontrolle und Co. komplett unterschätzt hatten.

Im November zogen mein Mann und ich dann die „Reißleine“ und entschieden uns dazu mein „Vollzeitprojekt“ zu beenden.
Ich sprach mit meinem Chef und stellte meinen Vertrag auf 30 Stunden zurück. Dies bedeutete, ich holte meine Kids jeden Tag um 16.00 h wieder selbst aus der Kita ab.
Wie gingen Nachmittags noch für ne Stunde Radfahren, in die Bücherei, kuschelten auf der Couch und tobten auf dem Wohnzimmerboden, bevor sie gegen 18.30h in den altbekannten Quengelmodus wechselten.
Besonders schön daran – mein Liebster war ja immer noch im Sabbatical und so verbrachten wir diese Zeit am Nachmittag gemeinsam als Familie.
Eine wirklich ideale Situation für uns fünf!

Unser Fazit aus diesem Projekt:
Ich weiss nun, dass ich Vollzeit zu diesem Preis nicht für mich möchte. Diese „heiligen zwei Stunden“ am Nachmittag und die einigermaßen entspannte Situation am Morgen mit Kindern die erst um 8.00 Uhr im Kiga und in der Schule sein müssen sind Freiheiten, die ich für uns als Familie nicht mehr hergeben möchte.
Mein Liebster hat gelernt, dass ein Haushalt mi fünf Personen kein Kinderspiel ist und eine tägliche Portion Aufmerksamkeit braucht. Dass unsere Kinder gerade nach der Kita noch mal eine große Portion Papa und/oder Mama brauchen um glücklich zu sein. Und er lernte, daß egal wie gut oder schlecht gelaunt man selbst gerade ist – das eigene Befinden ist in diesem Moment zweitrangig.

Genau deshalb sehe ich auch in der „Vision 32 Stunden Woche“ von Frau Schwesig auch eine echte Chance für uns und Familien, denen es genauso geht.
Wenn wir endlich aufhören würden in Vollzeit und Teilzeit zu werten – wenn Arbeit einfach erledigt werden muss – und da wo es möglich ist einfach ohne feste Definition von Raum- und Zeitaufwand, ist in meinen Augen viel erreicht für uns arbeitende Eltern.

Solch eine Vision unter dem Deckmantel der Finanzierbarkeit gleich in die Tonne zu werfen halte ich für falsch. Denn ich für meinen Teil wünsche mir zum Beispiel gar keinen finanziellen Ausgleich für meine 10 fehlenden Stunden zur so genannten Vollzeit. Ich wünsche mir nur die gleiche Anerkennung und die gleichen Möglichkeiten die diese 10 Mehrstunden Anwesenheit mit sich bringen würden.

Meinem Liebsten graut es schon ein bisschen wieder vor der Zeit, wenn das Sabbatical vorbei ist. Die gemeinsamen Nachmittage haben ihm und den Kindern so viel gegeben – dessen Verlust wird sicherlich auf beiden Seiten zuerst zu Entzugserscheinungen führen.

Eure

Working Mom Andrea