Wer bin ich – wenn ich keine Mutter bin?

Mehr als ein Jahr ist es nun her, dass ich mich nach mehr als 20 Jahren von dem Vater meiner Kinder getrennt habe. Ein Jahr, das viele Hochs und viele Tiefs hatte. Ein Jahr in dem es viel darum ging, mich wiederzufinden. Und ein Jahr, in dem ich mich oft gefragt habe: „Wer bin ich?“

Wer bin ich – eigentlich eine einfache Frage…

Klar – ich bin Andrea – 44 Jahre – Mutter von 3 Kindern. Das weiss ich.
Aber was ich nun nicht mehr bin: „Die Ehefrau von….“ Und auch, wenn dieser Schritt ganz bewusst getroffen wurde von mir – habe ich mit ihm doch etwas an Identität verloren. Jetzt bin ich nicht mehr „die Frau von“…
Jetzt bin ich die Ex-Frau – also jemand, der gescheitert ist in seinem Vorhaben „bis ans Ende unseres Lebens… (Sidenote: Das haben wir uns auf unserer Hochzeit nie geschworen, da ich dies schon damals als heuchlerisch empfunden habe)

Ich bin die Alleinerziehende – oder Getrennterziehene, wie ich lieber sage…

Ich bin Andrea die Geschäftsfrau – mit meiner eigenen Firma, tollen Mitarbeitenden und einem wunderschönen Büro….

Aber was oder wer bin ich denn sonst noch?

In meinem Leben als Mutter, Ehefrau und Geschäftfrau war nicht viel Zeit für mich. Nicht viel Zeit für Identität. Das weiss ich erst heute – wo ich durch unser Nestmodell und den wöchentlichen Wechsel auf einmal Zeit für mich habe.
Auf einmal sind da Zeitfenster, die ich nur mit mir und meinen Interessen füllen kann. Und ich stelle fest. Ich weiss nicht mehr, was diese sind…..

Die Pandemie hat sicherlich ihr Übriges dazu getan. Sie hat mir noch mehr Zeit genommen für mich und meine Identität. Die letzten zwei Jahre waren nur noch geprägt vom Hetzen und Bedürfnissen anderer füllen. Meine eigenen Bedürfnisse sind dabei völlig auf der Stecke geblieben.

Pflegenden Eltern muss es immer so gehen. Und diese Erkentniss macht mich unglaublich traurig!

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Sport war und ist ein Teil meiner Identität

Auch, wenn ich in den letzten Jahren nicht mehr ganz so viel Sport machen konnte wie Mountainbikefahren, Laufen oder Skitourengehen. Sport war und ist immer schon ein Teil meiner Identität gewesen und wird es auch immer bleiben. Das kann nur der Sport! Er berührt mich auf eine Weise – und gibt mir ein Gefühl, dass ich nirgends anders habe.

Die Suche nach dem mehr….

Und so begann ich mich auf die Suche nach mir selbst. Nachdem, wer ich bin. Wer ich sein will, und was mich ausmacht, wenn ich keine Mutter oder Ehefrau bin.

Mein Beruf hat mir schon immer viel Identifikation gegeben. Und dafür bin ich sehr dankbar. Doch das alleine, reicht nicht aus.

Zu Beginn habe ich sie viel im Aussen gesucht. Habe mich im Aussen gesucht. Dachte, da muss sie doch irgendwo sein. Zwischen Begegnungen, Dates und Zeit mit Freunden. Doch mit dieser Annahme lag ich so was von falsch. Denn im Aussen ist man – besonders dann, wenn das Innen nicht stabil ist – so anpassungsähig und wandelbar, dass man oft gar nicht man selbst ist. Sondern nur ein Spiegel seines Umfeldes.

Mir wurde klar, ich kann mich nur in mir selbst wieder finden. In dem ich Zeit nur mit mir verbringe. Mit meinen Gedanken. Meinen Wünschen und meinen Träumen. Und ich gebe zu, dieser Gedanke hat mir Angst gemacht. Macht mir oft immer noch Angst.

Was, wenn ich zu jemandem geworden bin, den ich gar nicht mag?

Nachdem ich mich so viele Jahre über Dinge im Aussen definiert habe, hat mir das nach Innen sehen wirklich viel Angst gemacht. Was, wenn von mir nichts übrig geblieben ist? Früher war ich so oft kreativ. Habe gemalt, geschrieben und gebastelt. Doch seit Jahren hatte ich dafür werde Muse noch Zeit.

Kreativität – und das ist mir in diesem Prozess wieder so klar geworden – gibt uns auf eine so unglaubliche Art und Weise die Möglichkeit uns auszudrücken. Doch war dieser Kreativität in mir noch da? Oder hatte ich sie unter Terminen und Verpflichtungen begraben?

Und welche Werte machen mich aus. Werte, die nicht nur ausschliesslich was mit Mutter, Ehefrau oder Geschäftsfrau zu tun haben?

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Zeit für mich war mein Geschenk

So sehr ich am Anfang davor Angst hatte, alleine zu sein. Und es immer wieder vermieden habe – auch in den Wochen ohne Kindern. So sehr war sie am Ende auch ein Geschenk an mich selbst. Ich hörte auf, mich mit Nextflix und Instagram zu betäuben – eine Sache, die ich in den letzten Jahren meiner Ehe oft gemacht hatte, um nicht spüren zu müssen, wie unglücklich ich eigentlich war.

Ich fing wieder an mit dem Malen. Begann meine eigene Wohnung Stück für Stück einzurichten. Mich mit Design und Innenarchitektur auseinanderzusetzten. DIYS Videos anzusehen und wieder kreative Pläne zu schmieden.

Ich fuhr alleine in den Urlaub. Nach Griechenland ans Meer. Stieg wieder auf mein Gravel Bike und besuchte Freunde und Freundinnen, die ich schon lange nicht mehr gesehen hatte.

Ich bin noch lange nicht bei mir – aber auf einem guten Weg

Ich bin noch lange nicht wieder bei mir. Kann immer noch nicht genau sagen, wer ich bin und was mich ausmacht. Bin immer noch viel mehr Mutter und Geschäftsfrau als einfach nur Andrea – und doch weiss ich, ich bin auf einem guten Weg.

Es ist wahrscheinlich ein Prozess, den viele von uns mitmachen. Wenn die Kinder größer werden und die Freiräume wieder größer. Sie wollen gefüllt werden. Mit uns!

Wieder herauszufinden, wer ich sonst noch so bin ist ein wundervoller Prozess. Der mir auch immer wieder Angst macht – und mich immer wieder auf die Probe stellt. Und dennoch möchte ich ihn gehen und freue mich darauf… Auch, wenn er wahrscheinlich ein Leben lang andauern wird…

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